Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

10 Jahre Hospiz Schöneberg-Steglitz

Als das Haus in der Kantstraße umgebaut wurde

Eva Sonntag (Mitte) im Vorbereitungskurs

Wie aus einer Nachbarin eine Ehrenamtliche wurde, beschreibt Eva Sonntag und blickt mehr als zehn Jahre zurück.

Im Februar 1998 zog ich mit meiner Familie von Lichterfelde in die Steglitzer Kantstraße um. Im Gespräch mit Nachbarn erfuhr ich, dass das Haus Kantstraße 16 - das heutige Hospiz - bis 1997 vom Kuratorium für Heimdialyse genutzt wurde, jedoch jetzt leer stand, was auch sehr lange so bleiben sollte. Ich kann mich daran erinnern, dass täglich ein Wachschutz das unbenutzte Haus besuchte. Fünf Jahre verstrichen.

Im Februar 2003 fand ich in unserem Briefkasten eine Einladung in das Haus Kantstraße 16. Uns Bewohnern der Kantstraße wurde mitgeteilt, dass das Nachbarschaftsheim Schöneberg e.V. die Villa erworben hat, um ein Hospiz einzurichten. Wir wurden eingeladen, uns am 22. März 2003 bei Kaffee und Kuchen über das Projekt und die Umbauarbeiten zu informieren. Ich war sehr froh darüber, dass dieses große leerstehende Haus endlich eine neue Bestimmung gekommen sollte und traf bei der Besichtigung auch einige interessierte Nachbarn.

Bei der Betrachtung der Baupläne wurde schnell klar, dass der Umbau der Villa viel Zeit, Arbeit und Geld benötigen würde. Unter den Nachbarn gab es vereinzelt Unklarheit über die neue Bestimmung des Hauses als Hospiz. Handelte es sich um ein neues Krankenhaus? Und wenn es ein Haus nur mit Sterbenden werden sollte, war das "zumutbar" für die Nachbarschaft?

Mir gefiel der Gedanke, dass schwerstkranke sterbende Menschen eine liebevolle heimische Atmosphäre in der alten Stadtvilla bekommen sollten. Die neue Bestimmung des Hauses war für mich Anlass, mich über die ehrenamtliche Mitarbeit für das Haus zu informieren. Ich bewarb mich und besuchte ein halbes Jahr den Ausbildungskurs und konnte am 26. März das neu entstandene Haus mit einweihen.

Das Hospizhaus Kantstraße hat eine wechselvolle Geschichte, war mal Geburtsklinik, Gesundheitsschule, Heimdialyse und jetzt Hospiz. Diese Folge zeigt mir deutlich, dass Tod und Leben zusammen gehören.

Eva Sonntag

 

 

 

Ehrenamtliche Berichten

Gibt es in der Sterbebegleitung einen Seitenwechsel?

Das ist ein besonderer Zwischen-Raum der Begegnung zweier Menschen, der sich in der ehrenamtlichen Hospizarbeit auftut. Mich persönlich hat er zunächst irritiert.

Mein berufliches, familiäres, Freitzeit gestaltendes Tun und Zuständigsein tritt zurück und gibt den Blick frei auf ein Geschehen, in dem alles Machen, Wollen, Können, Müssen, alles Bekannte, alles Handeln zum Ende kommt.

Noch mehr fehlte mir, was in meiner psychotherapeutischen und supervisorischen Praxis die Basis der Arbeitsbeziehung ist, ein Auftrag, zumindest ein Anliegen. Nun gibt es für die im Hospiz  und seinem Umfeld beruflich Tätigen Aufträge, Auftraggeber, vor allem Aufgaben zu genüge.

Wieso nicht für mich Ehrenamtliche? Sehe ich nicht genau genug hin? Vielleicht. Immer wieder ertappe ich mich beim Machen und Tun, Bewerkstelligen und Organisieren wollen, freue mich, wenn ich mich "nützlich" machen oder mir das zumindest ein-bilden kann. Dann wieder, im neuen Umfeld erschöpft, ermahne ich mich, nicht nur die Grenzen des Gegenübers, auch meine eigenen sorgsam zu achten und zu beschützen.

Schließlich spüre ich, wie mein Blick ausweicht davor, den alle Grenzen überschreitenden, den existenziellen Seitenwechsel, vor dem die/der Andere steht, für wahr zu nehmen und mit zu fühlen. Ohn-Macht eingestehen. Und dann? Mit welcher Gewissheit bin ich im Hospiz unterwegs?

Verändert hat sich mein "Mangel" erst mit dem Aufgeben der Frage danach. Unterdessen erlebe ich ihn als Geschenk: Wenn ich alle Aufgaben und reale oder vorgestellte Aufträge weg lasse und vor allem alles Wissen - was bleibt dann? Lauschen und in empfänglicher Resonanz sein? Mit-spielen, in der Rolle, die mir zu-gespielt wird? Die Rollen, in denen ich mich plötzlich vorfinde, einfach annehmen?

Keine Bedeutung. Viel Beziehung. Eine manchmal liebevolle Begegnung. Reden und Schweigen. Freude und Traurigkeit. Miteinander hier sein. Jetzt.

Ute Harders

 

 

Welche Wünsche sind erfüllbar?

Hanna K. und Eva S. begleiteten zu zweit eine ältere Dame in Tempelhof. Zu Weihnachten erfüllten sie ihr überraschend einen großen Wunsch.

Im Jahre 1942 wurden meine Mutter, meine jüngere Schwester und ich nach Ostpreußen evakuiert. Die Winter dort sind kalt und schneereich. Die Bauern spannten ihre Pferde also vor Schlitten. Es gab die Schlitten, mit denen Lasten transportier wurden, und die wunderschönen zur Personenbeförderung.

Ich stand mit staunenden Augen auf der Landstraße, wenn die Schlitten mit leisem Geklingel vorbei glitten. Zu dieser Zeit wurde in mir der Wunsch geweckt, einmal auch in solch einem Schlitten durch die wunderschöne Schneelandschaft zu fahren.

Die Jahre gingen dahin, aber dieser Wunschtraum blieb. Oft träumte ich, wenn es draußen schneite mit geschlossenen Augen, ich würde jetzt die Schlittenfahrt machen. Aber wie es so ist im Leben, der Wunsch war da, doch die Erfüllung wurde immer wieder verschoben. Nach dem Tod meiner Tochter glaubte ich sowieso, dass ich kein Recht mehr habe glücklich zu sein. Dann kam 2004 die niederschmetternde Nachricht Krebs. 2005 dann die Metastasen, Chemotherapie, Verzweiflung! Das Schicksal schickte mir dann Frau K. Irgendwann erwähnte ich diesen Wunsch der nie in Erfüllung gegangen war, und nun sei es zu spät dafür.

Ich weiß nicht mehr, was sie damals antwortete, doch sie kam in der folgenden Zeit immer wieder darauf zurück. Ihre Meinung, der Wunsch könnte durchaus noch in Erfüllung gehen, nahm ich mit Skepsis auf. Wer hat in Berlin einen Pferdeschlitten und wann liegt hier genügend Schnee, diese Gedanken gingen mir durch den Kopf. Zu Weihnachten schenkten mir Frau K. und Frau S. eine Schlittenfahrt. Eine große Vorfreude erfüllte mich!

Dann kam unerwartet der Schnee und am 30. Dezember der Anruf von Frau K., morgen um dreiviertel zehn werden sie abgeholt. Frau K. und Frau S. kamen zu mir, und wir drei fuhren dann gemeinsam mit dem Krankenwagen nach Müggelheim. Dort stand er, der Schlitten, mit zwei Schimmeln davor. Ich glaubte zu träumen, doch der Traum war Wirklichkeit geworden. Die Fahrt durch die Schneelandschaft war so wundervoll, dass bei mir auch einige Tränen flossen. Kurz vor Ende der Fahrt reckte einer der Hengste seinen Kopf weit nach oben, um von den Ästen eine Ladung Schnee über uns zu verteilen. So bekam ich noch dichten Kontakt zum Schnee.

Diese Schlittenfahrt war die Krönung meines letzten Lebensabschnittes. Für die Erfüllung meines Wunschtraumes bin ich Frau K. und Frau S. unsagbar dankbar.

 

Sich selbst im Anderen begegnen

Als Essenz einer langjährigen Tätigkeit in der Sterbebegleitung lesen Sie einen ganz persönlichen inneren Erfahrungsbericht.

 

Wenn du dich selbst hasst,
dann möchte ich nicht,
dass dir ein anderer anvertraut werde.
Augustinus

 

Die überraschendste Erkenntnis während der Jahre meiner Hospiz-Arbeit ist die, wie viel ich über mich selbst lerne. Es heißt, man begegnet sich immer selbst im Anderen. Was das bedeutet, erschließt sich mir in jeder neuen Begleitung.

Heute morgen wohnte ich zum ersten Mal einem Requiem bei welches zum Gedenken an eine Frau gehalten wurde, die ich begleiten durfte. Ich stellte fest, das, selbst wenn ich den Glauben nicht teile, doch etwas zu spüren war von der innigen Verbindung der Menschen in der Kirche zu der Verstorbenen, die über viele Jahre in der Gemeinde tätig war. Ich habe mich als Teil dieser Verbindung empfunden.

Immer wieder neu muss ich lernen, mich zurückzunehmen, ohne mich aufzugeben. Manchmal ist das leicht, hin und wieder schwierig. Mir scheint, der Kontakt mit sterbenden Menschen und ihren Angehörigen schärft alle Sinne. Sind die Sinne einmal geschärft, gilt dies auch im Umkehrschluss: ich bin für mich selbst wacher. Gehe ich träumend durchs Leben, verringert sich die Chance, dem Leben, den Menschen zu begegnen. Ich lerne, wie unterschiedlich Menschen mit Angst und Trauer umgehen.

Hospizarbeit birgt die Chance, mich mit meinen Vorurteilen auseinander zu setzen. Ich begegne so vielen unterschiedlichen Menschen. Was uns zusammenführt, ist eine Notlage. Diese Notlage erfordert meinerseits eine sachliche, aber auch empathische Unvoreingenommenheit. Ganz selbstverständlich übe ich ein Verhalten ein welches wiederum Einfluss hat auf mein Leben außerhalb des Hospizes. Mein Blick schärft sich, ich höre genauer und mein Mitgefühl wächst. Das ist der Dreh - und Angelpunkt meiner Erfahrungen der letzten Jahre: Eine offene Hinwendung zu Menschen in ihrem letzten Lebensabschnitt, in einer Situation, die für eine Buchhändlerin nicht anders ist als für einen Müllwerker macht es möglich, mich selbst und den Sterbenden mit dem Leben in all seinen Facetten zu verbinden. Beide, der Sterbende und ich, ermöglichen gleichermaßen diese Erfahrung.

Eva Liebenberg